Ulla Schmidt und der operierte Zeh
Bundesgesundheitsministerin besuchte Bernau: „Ich verstehe etwas von ambulanter Behandlung, ich war gerade selber Patient“
Bernau (MOZ) Der Gesundheitsstandort Bernau konnte gestern ein kleines Wort in der Diskussion um die Gesundheitsreform mitreden. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) besuchte Einrichtungen der Stadt und sprach mit Medizinern, Krankenhausmanagern und Vertretern von Krankenkassen.
Besuche von Bundesministern in der vermeintlichen Provinz sind immer so eine Sache. Ankommen, lächeln, durchrauschen. Wo war man doch gleich? Anders gestern Ulla Schmidt. Der Gast aus Berlin, der mit der Gesundheitsreform zurzeit ziemlich im Sturm steht, zeigte sich bei leichtem Nieselregen gut informiert und als ein unkomplizierter, aufgeschlossener Gesprächspartner.
„Ich verstehe was davon, denn ich war gerade Patient“, eröffnete sie gut gelaunt die Diskussion in der Orthopädischen Praxis von Dr. Karsten Denner in der Ladeburger Straße. Ulla Schmidt trug am linken Fuß einen schicken schwarzen Schuh, am rechten aber eine weiße Gesundheitssandale – der große Zeh schaute bandagiert heraus.
Karsten Denner ist seit 1991 niedergelassener Arzt und Spezialist für ambulante Arthoskopie. Seit 1996 arbeitet und operiert er im Ärztehaus in der Ladeburger Straße 21. Quasi vor der Tür des Evangelisch-Freikirchlichen Krankenhauses. Eine Kooperation zwischen der ambulanten und der stationären Behandlung kam bislang aber aus vielen dem Gesundheitssystem eigenen Abrechnungsverfahren und Regeln nicht zu stande. Ulla Schmidt will dies mit der Reform möglich machen. „Integrierte Versorgung“, heißt das Stichwort dazu.
„Warum sollen Menschen nach einer Operation bei mir nicht noch einen Tag zur Beobachtung im Krankenhaus bleiben können?“, fragt Denner. „Warum soll Dr. Denner nicht auch ins Krankenhaus kommen können und eine Operation bei einem unserer Patienten machen?“, fragt Elimar Brandt, der Geschäftsführer vom Krankenhaus. „Es geht darum, die guten Seiten beider Methoden nutzen zu können“, erklärt Denner. Der Arzt, der im Jahr zwischen 700 und 800 Operationen durchführt und dessen Patienten auch von weither kommen, unterhält bislang selber ein Apartment für Gäste, die übernachten wollen.
Ulla Schmidt versteht das Problem. Auch sie hat sich in Aachen ambulant am Zeh operieren lassen. „So hat es 350 Euro gekostet, im Krankenhaus wären 3500 fällig gewesen“, sagt sie. Ihre Reform will die Ambulanz als Behandlungsvariante stärken. Sie ist preisgünstig und patientenfreundlich („Wer liegt schon gern im Krankenhaus“).
Elimar Brandt sah sich aus dem Gespräch heraus in einer unternehmerischen Idee bestärkt. „Ich möchte in Bernau ein Patientenhotel entwickeln“, sprach er später Bürgermeister Hubert Handke an. „Für ambulante Fälle, für Angehörige von Krankenhaus-Patienten und für Patienten, die dort zum Beispiel während einer Beobachtungszeit wohnen möchten.“
Ulla Schmidts zweite Station war die Brandenburg Klinik in der Waldsiedlung. Hier wurde sie von Geschäftsführer Kai-Uwe Michels begrüßt. Frau Schmidt informierte sich vor allem über die bereits praktizierte integrierte Versorgung in der Kinderabteilung, wo Herz- und Krebspatienten bis zur Rehabilitation kompakt versorgt werden. „Das war sehr interessant. Wir wollen diese integrierte Versorgung. Das Beispiel hat gezeigt, dass dies der richtige Schritt ist“, sagte sie. Mit den Gesundheitsmanagern und Krankenkassenvertretern wurden im Kursaal der Klinik noch weitere Feinheiten der Reform diskutiert.
„Ich denke, es war für alle Beteiligten ein spannender Vormittag“, resümierte die Bundestagsabgeordnete Petra Bierwirth (SPD), auf deren Einladung Ulla Schmidt in Bernau weilte.
Die Ministerin bedankte sich für die Anregungen. Per Handschlag verabschiedete sie sich von allen Teilnehmern und startete zum nächsten Termin nach Berlin. Zurück blieben eine Runde weiter diskutierender Frauen und Männer sowie drei Erkenntnisse am Rande: Ulla Schmidt ist in natura viel freundlicher als es ihre oft streitbaren Auftritte im Fernsehen zeigen, sie kennt und mag Erdbeeren und Kirschen aus Werder und sie trinkt ihren Kaffee mit Milch.
Quelle: Märkische Oderzeitung MOZ: 20.6.03 im Bernauer Lokalteil
Text: von Rüdiger Thunemann



